Meine Depression

Durchs Leben gehen und das Gefühl haben, nicht wahrgenommen zu werden. Das Leben um einen herum scheint problemlos zu funktionieren, alle scheinen glücklich und zufrieden. Neid kommt in einem auf und die Gedanken im Kopf werden immer düsterer.  Selbstzweifel und Selbsthass finden Nahrung in diesen Gedanken. Es fühlt sich anfangs noch schmerzhaft an.  Diese Gedanken brennen, sie verletzen, was dazu führt, dass sich die Gedanken, die einst dazu führten, nur noch mehr verstärken. Man beginnt nichts mehr wahrzunehmen, selbst in der eigenen Familie steht man einer positiven Stimmung eher hilflos und in seiner eigenen Welt gefangen gegenüber. Aber man lernt! Schauspielerische Fähigkeiten werden zu Tage gefördert und man beginnt allmählich damit sich eine Maske zu modelieren. Lächeln, Freude, Spaß, all das rein mechanisch und emotionslos erzeugt, während man im selben Moment innerlich schreit und weint.

Es fehlt einem jeglicher Bezug zur Realität, Liebe, Leid, Freude etc.  All das ist unerreichbar, weil man in seinem Denken verhaftet ist.  Die Gefühle und die Angst, nichts wert zu sein, nichts zu können werden von mal zu mal stärker, wachsen zu bedrohlichen Dämonen im Kopf heran und schüchtern ein. Auf der Arbeit gelingen einfache Handgriffe nicht mehr wie gewohnt, man plagt sich um irgendwie einen einigermaßen klaren Gedanken zu fassen. Dieses mentale Problem schlägt sich auch physisch nieder.  Müde, ausgelaugt und kraftlos, überlegt man Morgens, ob das Aufstehen überhaupt noch einen Sinn macht, denn alles hat seinen Sinn und seinen Reiz verloren. Wie eine Marionette an Fäden hängend, lässt man jeden Tag aufs Neue über sich ergehen. Die Kollegen welche keinerlei Notiz von einem nehmen, haben plötzlich hässliche Fratzen, grinsen gemein und lachen über einen. Dass dies nur in meinem Kopf stattfindet, wird mir garnicht mehr bewusst. Alle tuscheln miteinander über mich. Auf der Arbeit, im Laden, egal wo. Es ist schrecklich und mittlerweile fühlt sich an, als stecke man bis zum Hals im Treibsand fest.

Suizidale Gedanken machen sich breit. Man denkt anfangs, wie es wohl wäre, wenn man nicht mehr da wäre. Alle hätten es gewiss einfacher, wenn ich Klotz am Bein nicht mehr da wäre. Was anfänglich noch flüchtige Gedanken sind, festigt sich durch kleine Fehler, die im Alltag passieren, wo keiner sonst einen großen Gedanken daran verschwenden würde und lassen es schon beinahe wie einen Wunsch klingen, lieber nicht mehr sein zu wollen.
Man läuft nach der Arbeit wie jeden Tag zum Bus, mit den Kopfhörern auf dem Kopf, bei voller Lautstärke um die Gedanken zu übertönen, während man bei einem achtlosen, gedankenversunkenen Wechsel auf die andere Straßenseite vor einen Lieferwagen läuft, welcher eben noch zum Stehen kommt. Der Fahrer sichtlich geschockt, aber mir fehlt dazu jegliche Emotion. Es war mir gleichgültig!

Die schlimmste Phase ist aber,  wenn man so weit und so tief in der Depression steckt, dass man verzweifelt versucht, noch etwas zu spüren. So führte es bei mir dazu,  dass ich einer anderen Frau ins Netz ging.  Es tat anfangs gut, wurde aber zur Qual und letztlich zerstörte es fast noch meine Ehe. Meiner Frau ist es zu verdanken, dass sie rechtzeitig die Reißleine zog.

Spätestens da wurde mir bewusst, dass ich Hilfe brauche, professionelle Hilfe. Diese fand ich und ich bin sehr dankbar dafür, weil ich denke, dass ich sonst heute nicht mehr existieren würde. Ich wäre aber nicht ich, hätte ich selbst daraus nicht noch etwas positives gezogen. So veränderte sich, auch durch die danach diagnistizierte Erkrankung MS, mein Leben grundlegend. Ich liebe, ich lebe und ich vergebe. Ich helfe gerne und schätze das Leben. Also wurde doch noch alles gut.  Meinen größten Dank dafür, gebe ich an meine Frau und an meinen Psychologen Dr. Tom, denn ohne diesen alten verrückten Iren, hätte ich das nicht geschafft!

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