Was wirklich zählt!

Den Tag genießen, Unternehmungen mit der Familie, das wunderbare Wetter und all diese Dinge, welche einen glücklich machen sollten. Stattdessen giert man nach noch mehr, Superlativen, immer noch eins oben drauf setzen, denn man will ja spüren, dass man lebt!

Lebt man denn wirklich? Was geben einem diese Dinge denn nun? Außer blassen Erinnerungen ist nicht viel davon geblieben und Materielles verliert ab dem Moment, wo man es besitzt, ohnehin seinen Wert. Man hat es ja schon und der Reiz ist verflogen.Solche Gedanken kommen einem aber erst dann, wenn man einen groben Einschnitt in seinen Alltag erlebt, einen Schicksalsschlag, wie man es auch so schön formuliert. So war es auch bei mir, als ich von Jetzt auf Gleich aus meinem gewohnten Leben rausgerissen wurde. Eben waren wir noch als Familie unterwegs um den Kindern einen schönen Tag zu machen, als ich Probleme mit dem Auge bekam und ein paar Tage später finde ich mich in der Notaufnahme wieder und ich musste Entscheidungen treffen lassen, war nur noch Statist.

Man wird erstmal im Ungewissen gelassen und lässt allerhand Untersuchungen über sich ergehen. Kortison-Stöße, Plasmapherese und zwischendurch mal ein Arzt, welcher mir die Diagnose Multiple Sklerose eröffnete. Spätestens ab dem Moment war nichts mehr wie es war. Es riss mir sprichwörtlich den Teppich unter den Füßen weg. Ich war ein jämmerliches Häufchen Elend was bei seiner Frau Trost suchte, obwohl Sie selbst auch Trost brauchte, denn diese Diagnose ging durch die Familie wie eine Druckwelle. Es dauerte einige Monate bis man wieder etwas positiver sehen konnte. Hey, ich habe nur MS…. Sonst nichts! Es klappt mal besser und mal schlechter mit dieser Denkweise und ich war am Anfang noch froh um meinen Psychologen, welcher mich geschickt in die richtigen Bahnen lenkte. Ja, es ist auf jeden Fall nicht einfach, seine alten Ziele und Wünsche über Bord zu werfen und sich neu zu orientieren, klappt aber! Zu aller erst wird man sich den Dingen bewusst die einen unmittelbar umgeben. Familie, denn meine Frau und die Kinder haben mir gezeigt, dass nichts hoffnungslos ist. Man besinnt sich zuerst den einfachen Sachen, wann hat man sie denn zuletzt bewusst erlebt? Man hatte doch keine Zeit, weil man immer irgendwelchen Zwängen und Dingen nacheilte. Leistung bringen, hat man schon in der Kindheit eingetrichtert bekommen, dann kann man was erreichen im Leben. Ja…. Kann man…. Vier Bandscheibenvorfälle, Depression und Multiple Sklerose. Und jetzt? Jetzt heißt es, Du musst Dich schonen, darfst Dich nicht überanstrengen usw. Zu spät meine Lieben…. Ist schon gelaufen! Diese Erkenntnis hätte es früher gebraucht… viel früher!

Aber nein, ich mache das ganz anders, ich habe mir die mahnenden Worte auf meinen linken Unterarm tätowieren lassen und habe mich dazu entschlossen der Multiplen Sklerose die Stirn zu bieten. Ich will leben, gut und richtig leben! Und ich möchte eine neue Aufgabe haben, eine die mich glücklich macht. So kam der Gedanke auf, anderen Betroffenen mit meinen Gedanken helfen zu wollen. Das Gefühl geben nicht allein zu sein mit dem Schicksal. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Sie ich die Familie, zumindest ein Teil davon nur meldet um zu erfahren, ob MS ansteckend oder vererblich sei, um sich dann, nach erlangter Information garnichtmehr zu melden. Ja auch das gibt es, unglaublich, aber wahr. Und deshalb der Wunsch anderen eine Anlaufstelle zu bieten, Mut zu machen und zu helfen.

Also schrieb ich meine ersten Erfahrungen nieder, sammelte Texte und wusste noch nicht so wirklich, ob die Qualität meiner Texte überhaupt gut genug war, um sie zu verbreiten. Ich haderte, nahm einige Male Anlauf dazu eine Seite zu erstellen, brach dieses Vorhaben dann jedes Mal ab, weil ich mir meiner nicht sicher war. Bis zu dem Tag, als ich den Kontakt zu tollen Menschen fand, die mich dazu ermutigten, den Schritt zu wagen. Ich erstellte die Seite und fand nach einiger Zeit regen Zuspruch. Endlich passierte das, was ich mir wünschte. User schrieben mir und dankten mir für die Texte, in den Sie sich selbst fanden. Es war ein unbeschreibliches Gefühl was noch bis heute anhält und mich regelrecht beflügelt. Ich helfe anderen mit Ihrer Diagnose oder Symptomen klarzukommen. Ich bekomme Mails, wo man sich für meine Arbeit bedankt, wobei ich das gar nicht als Arbeit ansehe… eher als Berufung und letztlich auch ein Stück weit als Selbstheilung. Denn die Menschen geben mir auch viel zurück. So lerne ich auch von Ihnen und es ergibt sich eine klassische win-win-Situation.

Wo wir nun wieder zu den anfänglichen Worten kommen. Was ist denn nun wirklich wichtig? Materielles? Nein, überhaupt nicht. Es sind schöne Extras, ich lebe ja trotzdem nicht wie ein Asket, aber ich schreibe diesen Dingen nicht mehr diese Wichtigkeit zu, wie zuvor. Ich definiere mich nicht mehr über Dinge. Nein ich definiere mich lieber über Menschlichkeit, Empathie, das „Wir zusammen“. Finde diese Denkweise befriedigender als alles andere und ich wünsche mir, dass andere auch diese Erfahrung machen. Gut…. Vielleicht nicht gleich durch solch eine krasse Diagnose, sondern aus freien Stücken, weil‘s wirklich viel zurückgibt und glücklich macht.

Ein weiterer, vor allem sehr bedeutender Pluspunkt, ist die Tatsache, dass man sehr viele neue Menschen findet, die zum einen dieses Schicksal teilen, man sich auf einer gemeinsamen Gefühlsebene befindet und neben der Zufriedenheit auch der Aspekt der Sicherheit dazu kommt. Man ist nicht allein, denn man wird so akzeptiert wie man ist. Es spielen hier keine äußerlichen Gegebenheiten eine Rolle, der Mensch als solches zählt und dafür bin ich dankbar! Ich darf stolz behaupten, dass ich in diesem Pulk an Menschen eine Freundin gefunden habe, die mir viel mehr eine Schwester als eine Freundin ist. Aber auch viele andere ganz besondere Menschen, die mein Glück perfekt machen.

Was ich noch ganz toll finde, dass viele Angehörige von Erkrankten den Kontakt zu mir suchen und sich bedanken, dass Ihnen meine Seite vieles näherbringt und hilft. Dass, meine lieben ist Glück. Ungefiltert, pur und spornt zu noch mehr an.

Ich danke Euch sehr!

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