Mut zur Veränderung

Es ist wohl tatsächlich so, dass einige Zeit verstreichen muss, um verschiedene Dinge zu verstehen und man vor allem reif dafür sein muss, um gewisse Erkenntnisse zu erlangen. Aber man hat in jungen Jahren keine Zeit und schon gar keinen Blick für manche Situationen und Dinge. Man möchte leben, möglichst viel in kurzer Zeit erleben und keine Minute damit verschwenden zu ruhen. Man genießt in vollen Zügen, ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden, lebt manchmal am Limit und oft an der Grenze zur absoluten Dummheit, aber immer in Action.

Das ist so als junger Mensch, die neu gewonnene Freiheit mit der Volljährigkeit, worauf man sich schon so lange freut und darauf die letzten Monate bis zum achtzehnten Geburtstag hin gefiebert hat. Jetzt gehört einem die Welt! Ja, nichts kann einen mehr aufhalten, der frisch erworbene Führerschein in der Hosentasche, das erste Auto, welches auch mit nur 50 PS das Gefühl aufkommen lässt, in einem Rennwagen zu sitzen. Ja König der Welt ist man, wenn auch nur gefühlt. Dann kam die Zeit der Auto-Treffen. Ständig voll, es wurde gesoffen was da war. Reihenfolge und Prozente waren egal, zwischen Leber und Milz passte neben einem Pils auch immer Hochprozentiges. Der Alkoholspiegel stieg, die Hemmungen fielen. So kam es dann auch schon mal zu frivolen Begebenheiten, welche einem dann am Folgetag beigebracht wurden. Nicht immer war man davon begeistert, aber was passiert ist, ist ja bekanntlich nimmer zu ändern. Sei es drum, so mancher der Leute auf dem Treffen wusste dann bestens über mich Bescheid. Aus heutiger Sicht doch eher lustig, wenn man so daran zurückdenkt und es gehörte eben alles dazu, dass ich heute so bin, wie ich eben bin. Neben waghalsigen Aktionen auf Hausdächern während meiner Lehre, Motorradunfall und illegalen Straßenrennen, gab es genug Situationen wo meine Schutzengel mit Burnout zu kämpfen hatten und waren wohl auch froh, als diese Sturm und Drangzeit dann endlich vorüber war. Man wurde Stück für Stück ruhiger, gründete eine Familie und verabschiedete sich so nach und nach von den alten Zeiten. Es vergingen noch einige Jahre mit diversen Auto-Basteleien, welche sich im Laufe der Jahre zu Quad-Umbauten veränderten und mit ständigen Treffen und Ausfahrten einhergingen. Es war eine schöne und gesellige Zeit, an die man gerne zurückdenkt, wenn auch manchmal mit einem weinenden Auge. Irgendwann dann kam der Moment, der mein Leben veränderte.

Eine schwere Depression plagte mich und letztlich führte kein Weg mehr an einer Behandlung vorbei. Nach Monaten der Therapie verzeichnete ich Erfolge, krempelte mich und mein Leben zu meinem Vorteil um, was auch meiner Familie gut tat. Und noch war die Therapie nicht vorbei, klopfte die Multiple Sklerose an die Tür. Krankheit, Angst und Unsicherheit bestimmten fortan mein Leben. Eine Weile verging, Angst und Unsicherheit wichen, aber die Erkrankung blieb und wird auch bis an mein Lebensende bleiben.
Den Umständen entsprechend galt es also sein Leben neu auszurichten und mehr zu genießen. Achtsamkeit war geboten und wird gelebt, wenn auch nicht immer zu 100 Prozent. Die Familie rückt in den Vordergrund, die Arbeit in den Hintergrund und ist nur noch Mittel zum Zweck, andere Dinge gewannen an Wichtigkeit hinzu. So kam es zum Schreiben, meinen Facebook- und Web-Seiten und letztlich zu dem Buch, welches ich geschrieben hatte. Eine komplette Veränderung erfuhr mein Leben, welche sich hervorragend anfühlt. Ich kann nun meine Stärken nutzen, mich sozial engagieren und anderen helfen. Lebe ein Stück weit meinen Traum und habe viel über mich selbst gelernt.

Wertvoll sind diese Erkenntnisse! Man lebt bewusster, aufmerksamer und genießt mehr. Das gilt für alle Bereiche des Lebens, besonders aber für Zweisamkeit. Ich finde mich selbst mittlerweile OK, mag mich wie ich bin und gewinne an Selbstbewusstsein hinzu. Der Mut, welcher mich so lange verließ, ist zurück und fühlt sich phantastisch an! Diese Veränderungen hätte ich ohne die Erkrankung nicht erfahren, weshalb ich nicht böse darum bin, an MS erkrankt zu sein. Ich lebe mein Leben und werde es so lange genießen wie es mir möglich ist! Diese Erfahrung und die dazugewonnenen Erkenntnisse möchte ich an andere weitergeben. Wenn ich nur ein paar Menschen davon überzeugen kann, ihr Leben zufrieden zu leben und fein mit sich selbst zu sein, habe ich viel erreicht. Daran halte ich fest und gebe mein bestes, worauf man sich verlassen kann!

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